Wie kamen Sie auf die Idee, eine Online-Beratungsstelle zu gründen? Wann war das?
YoungWings ist ein Kinder- und Jugendprojekt der Nicolaidis Stiftung. Die Nicolaidis Stiftung hat es sich zur Aufgabe gemacht, Ansprechpartner für junge Trauernde im gesamten Bundesgebiet zu sein. Wir haben sowohl Angebote für Menschen, die in jungen Jahren den Lebenspartner verlieren, als auch Hilfsangebote für Kinder und Jugendliche, die um Vater oder Mutter trauern. Die Bedeutung, die der frühe Tod eines Elternteils hat, wird oftmals unterschätzt. Kinder und Jugendliche fühlen sich unverstanden und oftmals völlig überfordert mit der Situation. Oft fehlen ihnen die Ansprechpartner, mit den hinterbliebenen Elternteilen wollen sie oft nicht sprechen, aus Sorge, diesen noch mehr zu belasten als er es ohnehin schon ist. Unsere Angebote für Kinder und Jugendliche im Münchner Raum wurden schon eine ganze Weile gut angenommen. Wir wollten jedoch noch mehr Betroffene erreichen und ihnen vor allem den Zugang zu Hilfe so einfach wie möglich machen. Ein Internetangebot lag da nahe, weil es DAS Medium der Jugendlichen ist. So gründeten wir 2004 unsere Online-Beratungsstelle.
Sind Sie bislang die einzige in dieser Form existierende Beratungsstelle?
YoungWings ist aufgrund seiner Art des Angebots einzigartig. Die Beratung im Internet hat in den letzten Jahren eine große Bedeutung innerhalb der pädagogischen Arbeiten bekommen, immer mehr Beratungsstellen haben begonnen, diese Art der Beratung anzubieten. Auch im Trauerbereich gibt es mittlerweile andere Anbieter. Uns sind Kooperationen mit anderen Beratungsstellen, die ebenfalls professionell Hilfe anbieten sehr wichtig. Wir haben ein bundesweites Netzwerk, damit wir Jugendliche bei Bedarf auch an andere Stellen vermitteln können.
Was sind die Vorteile einer Onlineberatung?
Das Internet ist wie gesagt DAS Medium der Jugendlichen. Die Hemmschwelle, sich dort Hilfe zu suchen, ist niedriger, als sich eine Anlaufstelle vor Ort zu suchen. Das Angebot ist zu jeder Tageszeit verfügbar, man muss sich nicht an Sprechzeiten etc. halten. Unsere User schätzen die Anonymität, die schnelle Reaktionszeit der Berater und natürlich auch, dass es kostenlos ist. Wir werden oft gefragt, ob es nicht eine negative Entwicklung sei, wenn Jugendlich sich nur im Netz bewegen. Für viele Jugendliche ist es aber die einzige Möglichkeit überhaupt, sich Hilfe zu holen. Wenn sie diese Möglichkeit nicht hätten, würden sie keine Unterstützung bekommen.
Wie viele Jugendliche wenden sich pro Tag an Sie? Sind es mehr Jungen oder mehr Mädchen?
Wir haben über 1000 registrierte User, fast 5000 Forenbeiträge, meist im Schnitt 60 parallel laufende Einzelberatungen sowie täglich 300 Besucher auf der Website, Tendenz steigend. Erfahrungsgemäß wenden sich deutlich mehr Mädchen an YoungWings, was aber ein allgemeines Phänomen ist: Mädchen suchen sich meist schneller Hilfe als Jungs. Für die Jungs ist die Online-Beratung aber eine große Chance, weil sie sich eben hinter der Anonymität verstecken können, insofern gibt es auch immer mehr, die unser Angebot in Anspruch nehmen.
Wie verhalten Sie sich bei besonders schweren Fällen – zum Beispiel, wenn akute Suizidgefahr besteht?
Gerade beim Thema Suizid gibt es eine klare Leitlinie, wie damit umzugehen ist. Unsere Berater werden fortlaufend zu diesem Thema geschult. Bei schweren Fällen wird immer im Team gearbeitet, das heißt, dass unsere Berater die Unterstützung der Leitung bzw. der Therapeuten, die im Hintergrund dabei sind, haben. Im Falle einer Suizidgefahr können wir zum Schutz der Jugendlichen die Anonymität aufheben und die Polizei informieren.
Als Altersgrenze geben Sie 21 Jahre an. Und wenn jemand älter ist?
Natürlich wird niemand sofort abgewiesen, wenn er älter als 21 Jahre ist. Wir versuchen dann gemeinsam ein anderes Angebot zu finden und dorthin zu vermitteln. Aufgrund unseres Netzwerkes klappt das meist sehr gut.
Was haben Sie für die Zukunft geplant?
Wir haben mit dem sympathischen Fußballprofi Thomas Müller einen tollen Botschafter gefunden, der uns hilft, das Angebot noch bekannter zu machen. Wir wollen zukünftig noch mehr betroffene Kinder und Jugendliche erreichen und hoffen sehr, dass es uns über YoungWings gelingt, dazu beizutragen, dass das Thema Tod und Trauer eine größere Aufmerksamkeit bekommt, es ist noch immer ein sehr tabuisiertes Thema. Darunter leiden vor allem die Betroffenen.
Zudem planen wir mit YoungWings auch international zu gehen, entsprechende Anfragen aus anderen Ländern gab es bereits!